Die Gassirunde aus Sicht des Hundes

Wenn wir mit dem Hund rausgehen, haben wir meistens eine ziemlich klare Vorstellung davon, was eine ordentliche Gassirunde ist. Eine bestimmte Strecke, eine gewisse Zeit und am Ende soll der Hund möglichst zufrieden wieder zu Hause sein. Aus Sicht des Hundes ist das allerdings nur die halbe Wahrheit.

Dem Hund ist ziemlich egal, ob auf unserer Uhr anschließend drei oder fünf Kilometer stehen. Für ihn passiert unterwegs etwas ganz anderes. Er riecht, beobachtet, hört und sammelt Informationen. Ein Spaziergang ist deshalb nicht nur Bewegung von A nach B. Und genau da geraten menschliche und hündische Vorstellungen gelegentlich aneinander.

Schnüffeln ist kein Zeitvertrödeln

Wir sehen einen Baum, einen Grünstreifen oder einen Laternenpfahl. Für den Hund steckt dort unter Umständen eine ganze Menge Information. Welche Hunde waren hier? Wie lange ist das her? War vielleicht eine Katze unterwegs? Oder Wild? Dazu kommen Gerüche von Menschen, Pflanzen, Boden und Wetter.

Das erklärt auch, warum Hunde manchmal an einer Stelle minutenlang interessiert sind, an der wir überhaupt nichts Besonderes erkennen können. Natürlich muss ich meinen Hund nicht an jedem Grashalm fünf Minuten stehen lassen. Aber genauso wenig muss ich ihn nach drei Sekunden weiterziehen, nur weil ich meine Runde in einem bestimmten Tempo laufen möchte.

Ein bisschen Zeit zum Schnüffeln gehört für mich schlicht zu einem normalen Spaziergang dazu.

Nicht jeder Spaziergang muss Training sein

Man kann beim Gassigehen viel üben. Rückruf, Leinenführigkeit, Orientierung am Menschen oder einfach vernünftiges Verhalten im Alltag. Alles richtig. Aber daraus muss man auch keine Unterrichtsstunde machen.

Ein Hund muss nicht während des gesamten Spaziergangs permanent auf seinen Menschen achten, irgendwelche Übungen absolvieren oder für jedes gewünschte Verhalten belohnt werden. Er darf auch einfach mal Hund sein.

Das bedeutet natürlich nicht, dass er machen kann, was er will. An einer Straße entscheide ich, wo wir gehen. Bei Wild, anderen Hunden oder Menschen muss ich meinen Hund im Griff haben. Das steht überhaupt nicht zur Diskussion. Dazwischen gibt es aber eine ganze Menge Spielraum. Und den kann man ruhig nutzen.

Strecke ist nicht gleich Qualität

Wir Menschen mögen Zahlen. Schritte, Kilometer, Zeit, Geschwindigkeit. Damit lässt sich Bewegung schön messen. Beim Hund sagt das allerdings wenig darüber aus, wie interessant oder sinnvoll eine Runde tatsächlich war.

Zwei Kilometer können ziemlich langweilig sein, wenn der Hund die ganze Zeit nur im gleichen Tempo nebenherläuft. Dieselben zwei Kilometer können aber auch jede Menge bieten, wenn der Hund unterwegs schnüffeln, unterschiedliche Wege erkunden und seine Umgebung wahrnehmen kann.

Umgekehrt braucht ein Hund natürlich auch Bewegung. Ein Spaziergang besteht nicht nur daraus, zwanzig Minuten an derselben Hecke zu stehen. Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Ein junger, gesunder und bewegungsfreudiger Hund braucht andere Spaziergänge als ein alter Hund. Und auch beim gleichen Hund sieht nicht jeder Tag gleich aus. Manchmal darf es eine längere Runde sein. Manchmal reicht eine kleinere Runde, auf der dafür mehr Zeit zum Erkunden bleibt.

Die bekannte Runde ist nicht automatisch langweilig

Ein häufiger Gedanke ist, dass man dem Hund ständig neue Wege bieten muss, damit ihm nicht langweilig wird. Ganz so einfach ist es nicht.

Für uns sieht die gleiche Runde jeden Tag ziemlich ähnlich aus. Für den Hund hat sie sich längst verändert. Andere Hunde waren unterwegs. Vielleicht ein Fuchs oder ein Reh. Es hat geregnet, der Wind kam aus einer anderen Richtung oder irgendwo wurde gemäht.

Die Strecke ist dieselbe, die Informationen darauf sind es nicht unbedingt.

Man kann trotzdem für Abwechslung sorgen. Die Runde einmal andersherum laufen, an einer Kreuzung einen anderen Weg nehmen oder den Hund an einer geeigneten Stelle entscheiden lassen, wo es weitergeht. Dafür braucht man nicht jedes Mal ins Auto zu steigen und ein neues Ausflugsziel zu suchen.

Den Hund einfach mal machen lassen

Ich finde es ganz interessant, einem Hund gelegentlich etwas mehr Entscheidung zu überlassen. An einer Weggabelung einfach mal schauen, welchen Weg er nimmt. Wenn er irgendwo intensiv schnüffelt, nicht sofort weitergehen. Oder beobachten, was ihn überhaupt interessiert.

Dabei sieht man schnell, wie unterschiedlich Hunde sind. Der eine läuft gerne und viel. Der nächste untersucht jeden zweiten Grasbüschel. Ein anderer bleibt stehen und beobachtet erst einmal seine Umgebung.

Das alles bekommt man allerdings nur mit, wenn man dem Hund auch ein bisschen Zeit dafür lässt. Wenn ich permanent bestimme, wie schnell wir gehen, wo wir stehen bleiben und wann es weitergeht, bleibt vom Spaziergang aus Sicht des Hundes nicht besonders viel übrig.

Die Mischung macht es

Eine Gassirunde soll Bewegung bieten. Der Hund soll sich lösen können, seine Umwelt erleben und gemeinsam mit seinem Menschen unterwegs sein. Mehr muss man daraus eigentlich nicht machen.

Es muss nicht jeder Spaziergang maximal lang sein. Es muss nicht jede Minute sinnvoll genutzt werden. Und es muss auch nicht ständig irgendeine Beschäftigung stattfinden.

Manchmal laufen wir einfach eine größere Runde. Manchmal wird mehr geschnüffelt. Und manchmal kommen wir kaum voran, weil offenbar an jeder Ecke etwas unglaublich Wichtiges passiert ist.

Solange Bewegung, Sicherheit und die Bedürfnisse des jeweiligen Hundes zusammenpassen, ist das völlig in Ordnung.

Vielleicht sollte man beim nächsten Spaziergang einfach einmal weniger darauf achten, wie weit man gekommen ist. Der Hund misst seine Gassirunde schließlich auch nicht in Kilometern.

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